Klassenführung und Präsenz
Lesedauer ca. 6 Minuten · Für alle Fächer und Schularten
Man hat die Stunde sorgfältig geplant. Die Materialien liegen bereit. Und dann betritt man den Raum und merkt: Die Klasse läuft einem davon, bevor man überhaupt begonnen hat. Klassenführung ist die Fähigkeit, die im Studium kaum gelehrt wird, im Schulalltag aber über alles entscheidet.
Was Klassenführung wirklich ist - Mehr als Disziplin: Beziehung als Fundament
Klassenführung wird oft mit Strenge verwechselt. Dabei ist sie im Kern etwas anderes: das Schaffen einer Lernumgebung, in der sich alle sicher genug fühlen, um mitzumachen und in der die Lehrperson klar genug ist, um Orientierung zu geben. Disziplin ist ein Nebenprodukt guter Führung, nicht ihr Ziel. Im Referendariat kämpfen viele damit, dass sie einerseits freundlich und nahbar sein wollen, andererseits aber auch Grenzen setzen müssen. Der Schlüssel liegt nicht in der Lautstärke der Stimme, sondern in der Klarheit der Erwartungen.
Grundprinzip
Schülerinnen und Schüler folgen nicht denjenigen, die am lautesten sind, sondern denjenigen, die am verlässlichsten sind.
Die ersten Minuten entscheiden - Einstieg und Ankommen: Warum der Beginn alles prägt
Wie eine Stunde beginnt, legt den Ton für alles Weitere. Wer die ersten drei Minuten dem Chaos überlässt, weil man noch das Laptop aufklappt, noch den Beamer sucht, noch wartet, bis es ruhiger wird, hat eine stille Botschaft gesendet: Hier gelten keine klaren Regeln. Besser: Schon vor dem Läuten im Raum sein. Einen stillen Impuls auf der Tafel oder dem Beamer haben, der zeigt, es geht los. Eine Routine einführen, die die Klasse kennt und die keine Erklärung braucht. Rituale erzeugen Sicherheit.
- Vor dem Läuten da sein: Wer zuerst im Raum ist, bestimmt die Atmosphäre. Der Empfang beginnt an der Tür.
- Einstiegsritual einführen: Ein stiller Impuls auf der Tafel nimmt der Klasse die Frage: Was passiert jetzt?
- Stille einfordern: Nicht in den Lärm hineinreden. Warten, bis es still ist. Diese Geste zahlt sich aus.
- Blickkontakt nutzen: Einzelne Personen kurz und bewusst ansehen und signalisiert: Ich nehme euch wahr.
- Stimme dosieren: Leise sprechen zwingt zur Aufmerksamkeit mehr als Lautstärke.
- Positionen im Raum wechseln: Bewegung hält die Aufmerksamkeit. Wer immer vorne steht, verliert die hinteren Reihen.
Wenn es schwierig wird - Typische Situationen und was wirklich hilft
Keine Klasse ist problemlos. Aber manche Situationen wiederholen sich im Ref so verlässlich, dass man sich auf sie vorbereiten kann.
Situation: Ständiges reinreden - Einzelne Schüler unterbrechen, andere lachen mit, die Stunde droht zu entgleisen.
Reaktion: Kurz direkt, ruhig - Name nennen, kurze Ansage, weitermachen. Nicht diskutieren. Keine große Bühne geben.
Situation: Gruppenarbeit außer Kontrolle - Der Lärmpegel steigt, kaum jemand arbeitet mehr.
Reaktion: Stopp-Signal einführen - Ein vereinbartes Signal sammelt die Klasse. Vorher einüben, nicht erst im Ernstfall.
Situation: Eine Person destabilisiert - Ein Schüler testet systematisch Grenzen und die Klasse schaut zu.
Reaktion: Einzelgespräch suchen - Nicht vor der Klasse eskalieren. Das Gespräch danach zeigt: Es gibt eine Beziehung, nicht nur Regeln.
-Man muss die Klasse mögen, auch an schlechten Tagen. Das spüren Schülerinnen und Schüler. Und es verändert alles.-
Die eigene Rolle finden - Präsenz entwickeln: Wer bin ich als Lehrperson?
Klassenführung lässt sich nicht vollständig aus Ratgebern lernen, sie entsteht im Tun. Was man aber bewusst entwickeln kann, ist die eigene Präsenz: die Art, wie man einen Raum betritt, wie man spricht, wie man reagiert, wenn es schwierig wird.
Viele Referendarinnen und Referendare spielen anfangs eine Rolle, strenger als sie sind, lockerer als sie sein sollten. Der Moment, in dem man aufhört zu spielen und einfach da ist, ist oft der Moment, in dem die Klasse anfängt zu folgen. Authentizität ist keine Schwäche. Sie ist die wirksamste Form von Autorität.
Für die Reflexion
Nach einer schwierigen Stunde nicht fragen: Was habe ich falsch gemacht? Sondern: Was würde ich beim nächsten Mal früher tun? Diese Verschiebung verändert, wie man lernt.
Klassenführung ist Beziehungsarbeit
Alle Tipps und Strategien helfen nur, wenn sie auf echtem Interesse an den Menschen im Raum basieren. Schülerinnen und Schüler spüren, ob eine Lehrperson sie als Störfaktoren betrachtet oder als Personen. Klassenführung, die auf Kontrolle setzt, erschöpft. Klassenführung, die auf Beziehung setzt, trägt. Das Referendariat ist die Gelegenheit, beides auszuprobieren und herauszufinden, wer man als Lehrperson sein möchte.