INKLUSION & UNTERRICHTSPRAXIS · NEURODIVERSITÄT · AKTUELL 2026
In fast jeder Klasse sitzen heute Schülerinnen und Schüler mit ADHS, Autismus-Spektrum, LRS, Dyskalkulie oder anderen neurodivergenten Profilen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerien stellte im Juni 2026 fest: Viele Lehrkräfte fühlen sich schlecht vorbereitet und das System reagiert bisher eher reaktiv als vorausschauend. Dieser Artikel gibt einen fundierten Überblick: Was ist Neurodiversität und was brauchen diese Schülerinnen und Schüler wirklich?
Ein wichtiger Grundsatz
Neurodivergenz zu verstehen, bedeutet nicht, jedes Kind in eine Schublade zu stecken. Es bedeutet, aufmerksam zu beobachten, welche Bedingungen dem einzelnen Kind Sicherheit und Lernmöglichkeiten geben und welche nicht. Der Blick auf Stärken kommt vor dem Blick auf Defizite.
Profile im Überblick - Häufige Formen und was Lehrkräfte wissen sollten
Neurodivergenz zeigt sich unterschiedlich. Statt pauschaler Ratschläge braucht es ein Grundverständnis der häufigsten Profile und der konkreten Bedürfnisse, die daraus entstehen.
ADHS - AUFMERKSAMKEITSDEFIZIT-/HYPERAKTIVITAETSTÖRUNG
Im Unterricht erkennbar: Schwierigkeit, länger stillzusitzen oder die Aufmerksamkeit zu halten; impulsive Reaktionen; leichte Ablenkbarkeit; aber auch: Begeisterungsfähigkeit, Kreativität, Schnelligkeit bei neuen Reizen.
Was hilft: Klare Strukturen und verlässliche Regeln; Bewegungsspielräume (kurze Pausen, Stehmöglichkeiten); Aufgaben in überschaubare Einheiten teilen; positives Feedback auf Anstrengung, nicht nur Ergebnis.
Autismus-Spektrum - ASS
Im Unterricht erkennbar: Starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Routine; Schwierigkeit mit impliziten sozialen Regeln; sensorische Überempfindlichkeit (Lärm, Licht, Berührung); oft ausgeprägtes Spezialinteresse.
Was hilft: Klare, wörtliche und eindeutige Kommunikation ohne Doppeldeutigkeiten; Tagesstruktur visualisieren (z. B. Tafelanschrieb); Rückzugsmöglichkeiten anbieten; Veränderungen ankündigen; Spezialinteressen wertschätzen.
LRS (Legasthenie) - LESE-RECHTSCHREIB-STÖRUNG
Im Unterricht erkennbar: Fehler beim Lesen und Schreiben, die nicht auf mangelnde Intelligenz oder Anstrengung zurückzuführen sind; oft verbunden mit geringem Selbstwertgefühl.
Was hilft: Mehr Zeit bei Prüfungen (Nachteilsausgleich); multisensorische Zugänge; Reduktion von Leistungsdruck bei der Rechtschreibung; lautes Vorlesen durch Lehrkraft oder alternative Formate.
Dyskalkulie - RECHENSCHWÄCHE
Im Unterricht erkennbar: Grundlegende Schwierigkeiten mit Zahlen und Rechenoperationen -- unabhängig von intellektuellen Fähigkeiten in anderen Bereichen.
Was hilft: Handlungsorientierung vor abstrakten Verfahren; Einsatz von konkretem Material; verschiedene Darstellungsformen (visuell, taktil, numerisch);
Atmosphäre schaffen - Was neurodivergente Schülerinnen und Schüler wirklich brauchen
Neurodivergente Kinder und Jugendliche brauchen keine Sonderbehandlung, aber sie brauchen eine Lernumgebung, die Sicherheit vermittelt. Das betrifft nicht nur Methoden, sondern die gesamte Atmosphäre im Klassenzimmer. Und diese Atmosphäre nutzt nicht nur neurodivergenten Schülerinnen und Schülern, sie verbessert das Lernklima für alle.
01 Vorhersehbarkeit und Struktur schaffen
Tagesabläufe sichtbar machen (Tafelbilder, Stundenziele). Veränderungen ankündigen, nicht als Überraschung präsentieren. Klare Regeln gelten für alle, werden aber konsequent eingehalten.
02 Sensorische Reize reduzieren
Starke Geräusche, Licht und visuelle Unruhe können neurodivergente Schülerinnen und Schüler überwältigen. Ruhigere Sitzbereiche, Kopfhörer, oder gedämpftes Licht können ohne großen Aufwand helfen.
03 Rückzugsmöglichkeiten anbieten
Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum oder mit Hochsensibilität brauchen manchmal einen kurzen Rückzug. Das ist kein Versagen - es ist Selbstregulation. Klassen können verlassen werden dürfen, ohne dafür Erlaubnis fragen zu müssen.
04 Klar und direkt kommunizieren
Ironie, Sarkasmus und implizite Erwartungen sind für viele neurodivergente Schülerinnen und Schüler schwer zuganglich. Eindeutige Anweisungen, konkrete Formulierungen, keine Doppelbedeutungen.
05 Aufgaben strukturieren und portionieren
Große Aufgaben in kleinere Schritte aufteilen. Zwischenziele benennen. Das reduziert Überforderung und ermöglicht Erfolgserlebnisse, die Motivation aufrechterhalten.
06 Nachteilsausgleich ernst nehmen
Mehr Zeit, alternative Prüfungsformate, Nachteilsausgleich ist keine Bevorzugung. Er stellt Chancengleichheit her. Als Lehrkraft aktiv ansprechen, wenn Anzeichen auf Bedarf hindeuten.
07 Stärken sehen und benennen
Neurodivergente Schülerinnen und Schüler haben oft ausgeprägte Stärken, Kreativität, Detailwahrnehmung, Ausdauer bei Spezialinteressen. Diese bewusst anzuerkennen verändert die Beziehung und das Selbstbild.
08 Bewegung einbauen
Insbesondere für Kinder und Jugendliche mit ADHS ist Bewegung keine Ablenkung, sie ist Regulierung. Kurze Bewegungspausen, Steharbeitsplätze
Zusammenarbeit - Nicht allein: Mit Eltern, Sonderpädagogen und Fachstellen
Neurodivergente Schülerinnen und Schüler zu begleiten ist keine Einzelaufgabe. Das INCLASS-Projekt des DIPF hat drei Instrumente entwickelt, die Lehrkräfte unterstützen: eine digitale Fortbildungsplattform, ein Self-Assessment-Tool und eine App zur Identifizierung individueller Barrieren. Das Zentrum für Autismus-Kompetenz und Inklusion (ZAK Germany) bietet Fortbildungen und eine Beratungsliste für alle Bundesländer.
Elterngespräche spielen eine entscheidende Rolle: Eltern kennen ihr Kind am besten. Wer früh in Kontakt geht, nicht erst, wenn es Probleme gibt, schafft eine tragfähige Grundlage. Und wer bei Unsicherheit sonderpaedagogische Unterstützung hinzuzieht, handelt professionell, nicht eingeständig.